Cu Chi Tunnel

Die Agenda für den heutigen Tag sah vor, dass wir den Vormittag mit einem Besuch der lokalen Niederlassung unseres Unternehmens verbringen sollten, um uns dann nachmittags auf den Weg zu den so genannten Cu Chi Tunnel zu machen. Gesagt getan. Nach einer kurzen aber knallharten Verhandlung über den Fahrtpreis des Taxis zum Werk in der Nähe des Flughafens kamen wir auch pünktlich zur vereinbarten Zeit (11:43Uhr) an und so trennten sich unsere Wege für ein paar Stunden.

Blick aus unserem HotelfensterBlick aus unserem Hotelfenster (ja, höher sind die Häuser in HCMC nicht)

Der Weg zum Werk war wieder ein Erlebnis. Sagen wir mal der Verkehr war wieder ein Erlebnis, denn die Häuser und Strassen sehen allesamt gleich aus: 1-2 Stockwerke, im Erdgeschoss jeweils ein Laden der von alten Fahrradschläuchen bis hin zum Automatikgetriebe alles auf Vorrat hat und gleichzeitig dem Besitzer auch das Dach über dem Kopf zur Verfügung stellt, das er des nächtens benötigt, wenn er sich in das Bett legt, dass direkt neben dem Getränkekühlschrank steht. So spart man sich die Nachttischlampe.

Strassenbild

Wie gesagt, durch ein Wirrwarr von identisch aussehenden Strassen im irren Tempo von 17,8km/h umzingelt von Myriaden von Mopeds kommt man sich schon sehr leicht wie ein Alien vor, der mit seinem Raumschiff von der Größe einer Nußschale in einem Ameisenhaufen gelandet ist, in dem die automatische Verkehrsführung ausgefallen ist 😉

Strassenbild

Auf meinem kurzen Erkundungstrip rund um das Werk herum traf ich auf Strassenküchen, skurrile Transporte auf eigenwilligen Selbstbauten von motorisierten Gefährten, freundliche Menschen, die einem gern ein paar Dinge verkauft hätten, Schüler mit Halstuch, die wirklich fröhlich waren und dem weißen Fremden zu winkten und lachten (ich hoffe, dass sie mich an- und nicht ausgelacht haben!) sowie Hinterhöfe, die man nach einem flüchtigen Blick auf die Fassaden der Häuser, so nicht vermutet hätte.

Hinterhof

Die Hitze trieb mich aber relativ schnell wieder in die Nähe des verabredeten Treffpunktes und so ließ ich meine Augen noch ein wenig über das funktionierende Chaos auf den Strassen schweifen und lauschte dem Hupkonzert, dass mich an einen Otto-Sketch erinnert hat (hab leider kein Video im Internet gefunden, sonst hätte es an dieser Stelle einen Link gegeben).

Da auch die Halbtagstouren, die in Saigon angeboten werden, schon früh am Morgen starten, wir jedoch noch den Zwischenstop im Werk hatten, haben wir in unserem Hotel nachgefragt, ob wir nicht eine Extratour bekommen könnten und für nur 40US$ gab es die dann auch. Der Cousin/Onkel/Bruder/Neffe der ein wenig übertrieben lächelnden Rezeptionsdame nahm uns bereitwillig in seinem privaten Auto mit nach Cu Chi. Dort wollten wir uns die legendären Tunnel ansehen, mit deren Hilfe der Vietnamkrieg für die Amerikaner äußerst unglimpflich ausging. Vor uns lagen 2 harte Stunden Autofahrt.

Wie hart (zumindest für ein paar ausgewählte Verkehrsteilnehmer), das sollten wir erst noch erfahren. Durch das Stadtgewimmel, an das man sich seltsamerweise relativ schnell gewöhnt, ging es dann auch tatsächlich mal auf einer zweispurigen Strasse (also 2 Spuren pro Richtung!) nach Norden. Etwa 75,48km und 2,5h später gab es auf einmal einen lauten Knall. Dieser kam von der Vorderseite unseres fahrbaren Untersatzes und rührte von einem gewollten Zusammenstoss mit eine leicht überladenen Moped. Man muss dazu sagen, dass Hupen ja die Hauptbeschäftigung während der Fahrt für die Vietnamesen ist und diesem Knall sind viele Hup-Arien vorausgegangen. Allerdings fand unser Fahrer dann, dass das Gefährt vor uns anscheinend nicht schnell genug Platz gemacht hatte und so schubste er es einfach von der Strasse! Funken sprühten, die Ladung verlor den Halt und die geladenen Wellbleche sowie die beiden Fahrer verließen fluchtartig den Moped-Transporter. Besser gesagt, sie fielen in den nahen Strassengraben. Nach blitzartigem Umdrehen unsererseits (die ganze Aktion dauerte ca. 1,8 Sekunden) fiel mir ein Stein vom Herzen, als die beiden wieder auf den Beinen standen und niemand zu Schaden gekommen war. Unser Fahrer ließ eine wütende Tirade los (nahmen wir zumindest an, denn er sprach nicht ein Wort Englisch) und gab Gas. Wir hätten also nicht mal helfen können, wenn etwas passiert wäre.

Kurz nach diesem Zwischenfall kamen wir an und fanden einen absolut verlassenen Parkplatz vor, eine heruntergekommene Mig-21 sowie ein Empfangsgebäude, dessen beste Tage ca. 24 Stunden nach dem Neubau abgelaufen waren. Glücklicherweise war noch geöffnet und die Kassiererin konnte uns teilweise klar machen, dass wir ein Ticket zu kaufen hätten um uns die Sache mit den Tunneln anzusehen. Haben wir dann auch gemacht und angefangen die Tunnel zu suchen. Nach Schildern sucht man vergebens, wenn man dann doch eins gefunden hat, dann ist es auf Vietnamesisch und man versteht kein Wort! Nach kurzer Suche und erneutem Zwischenstop am Ticketschalter für eine Wegerklärung fanden wir den Ticketschalter für die Tunnelbesichtigung. Keine Angst, ich wiederhole mich hier nicht. Es gab wirklich noch einen Ticketschalter an dem dann (jedoch nur für ausländische Touristen) ein weiteres Ticket zu lösen war. Nicht schlecht, oder?

Ein Guide führte uns dann zu den ersten Tunneleingängen und ich muss sagen, es wurde uns schon ganz schön mulmig. Man muss sich vorstellen, dass wir zu diesem Zeitpunkt wirklich die einzigen Touristen auf weiter Flur waren, Urwald um uns herum und ein Gewitter am Horizont. Und dann führt uns ein soldatenähnlich gekleideter Guide an ein Erdloch und meint, dass wir gern hineingehen können. Wir sind dann aber seinem Rat gefolgt und fanden uns einem relativ großem Raum unter der Erde wieder, ein Besprechungsraum. Am anderen Ende des Raumes gab es ein kleines Loch in der Wand, dass ich als Lüftungsschacht identifiziert hätte, wenn der Guide nicht gemeint hätte, dass das die Größe der Verbindungstunnel sei. Nicht schlecht. Da kann ich mir schon vorstellen, dass da so einige Amerikaner nicht durchgepasst haben.

Und sie haben die Tunnel für Touristen schon vergrößert

In den Tunneln wurde alles gemacht: gekocht, operiert, Munition und Waffen gefertigt, geschlafen, gewaschen (Kleidung und sich selbst) und natürlich beraten. Das Tunnelsystem ist ca. 250km lang und 18.000 Menschen konnten sich darin aufhalten. Unvorstellbar und auch beeindruckend, was in 20 Jahren Arbeit mit einer Schaufel der Größe eine mittleren Blumenkastenschaufel sowie einem Bastkorb gebaut werden kann.
In einem der unterirdischen Räume gab es 3 Tunneleingänge und unser Guide, der schon den Feierabend witterte, fragte uns, welchen wir denn nehmen wollten: den langen (50m) oder den kurzen (15m). Nachdem wir nun schon so lange hierher gebraucht hatten wollten wir natürlich alles ausschöpfen und nahmen den langen Weg. Hätten wir das mal lieber nicht gemacht. Oder hätten wir wenigstens vorher ein paar Kniebeugen zur Aufwärmung unserer Schenkel gemacht. Nach ca. 3,5m im Entengang (man kann wirklich nicht gebückt geschweige denn aufrecht laufen) brannten mir dermaßen die Oberschenkel, dass ich am liebsten zurück gerobbt wäre um den kurzen Weg zu nehmen.

Aber ich konnte mir natürlich nichts anmerken lassen und hab immer wieder Pausen eingelegt…nur um Fotos zu machen natürlich 😉 Wieder im Freien habe ich mich gefragt wo die jetzt unterirdisch die Dusche eingebaut hatten, denn ich war komplett durchgeschwitzt. Das schwüle Wetter trug seinen Teil dazu bei und so sieht man dann aus, wenn man gerade 50m im Entengang inkl. Rucksack unterirdisch zurückgelegt hat:

Nach der Führung durch die Tunnel verabschiedete uns der Guide mit dem Hinweis „da vorne dann links gehen“. Ah ja. Wir sind dann „da vorne links“ gegangen und mussten durch einen geschlossen Souvenirshop vorbei an einem geschlossenem Imbisstand bis zu einer Strasse gehen. Ein Blick nach links offenbarte Wald, ein Blick nach rechts eine Kurve. Wegweiser: Fehlanzeige. Intuitiv gingen wir nach rechts (natürlich die falsche Richtung) und fanden einen sehr schönen chinesischen Tempel, der an die gefallenen Soldaten erinnert hat. Wir gingen weiter und weiter und hatten langsam das Gefühl, dass wir uns verlaufen hatten. Toll. Wir kamen dann an einen anderen Ausgang des Geländes an dem wiederum ein Guide saß. Dieser konnte aber kein Englisch, hat uns aber dafür auch direkt ignoriert. Glücklicherweise kam uns dann auch schon von hinten (woher auch immer) unser Fahrer im Auto entgegen und wir nahmen erschöpft Platz im Kühlschrank auf Rädern (neben den Hupen mögen Vietnamesen auch voll aufgedrehte Klimaanlagen).
Der Rückweg war noch einmal kurz mit Ungewissheit gewurzt, denn der Fahrer kannte den Weg nicht mehr so genau. Aber nach mehreren Fragen und wild gestikulierenden Passanten fanden wir den Weg und fuhren zurück nach HCMC.

Abends ging es in ein von einer Mitarbeiterin empfohlenes Restaurant in dem wir sehr leckeres Essen für einen sehr erschwinglichen schmalen Taler erstanden haben. Ein sehr schöner Ausklang des aufregenden Tages. Mal sehen, was die eintägige Mekong-Delta-Tour morgen bringen wird.

3 Gedanken zu „Cu Chi Tunnel

  1. Spike

    Es lohnt sich glaube ich doch mal ein bisschen länger im Ausland zu arbeiten, also ein bisschen weiter weg, als Luxemburg. Irgendwo hingejettet und ab gehts in den Urwald in alte Tunnel. Wahnsinn. Bin beeindruckt und neidisch. Sei gegrüßt aus der ältesten Stadt Deutschlands.

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  2. Robert

    Lohnen tut es sich auf jeden Fall. Aber bist Du denn schon in Deiner Gegen mal ordentlich herum gefahren? Amsterdam, Rotterdam, England, Paris…ist doch auch alles nur 2h entfernt 😉 Nee, im Ernst. Wenn man sich einen Lonely Planet fuer Europa kauft, dann stehen da sicher auch einige Dinge drin, die man noch nie gesehen hat! Man darf sich nur nicht davon blenden lassen, dass es in Europa ist!

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  3. kryti

    Herr Robert, ich will auch wieder weg. Die Architektur ist der Hammer, oder? 4 bis 5 Stockwerke auf einer 4-Sitzer Couchbreite, die Höhe machts.
    Und über den kleinen Passus „…dass ich am liebsten zurück gerobbt wäre…“ habe ich mich sehr gefreut. 😉 LG aus der Vorlesung

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